Bernburger Begegnungen - Beitrag

Einleitung zum Essay: Von der Krise zum Aufbruch

Zur Einleitung…

In den vergangenen Jahren beschäftigte ich mich intensiv mit aktuellen Entwicklungen im Bereich der Geschichtswissenschaft und ihr benachbarter Disziplinen. Dort fand inzwischen ein umfassender Wandel von sprachlichen Inhalten, Methoden und Deutungskonzepten statt, welcher in der breiten Öffentlichkeit nur in kleinen Ausschnitten — beispielsweise bezüglich der Ächtung des „Rasse“-Begriffs und der mit diesem Wort verbundenen Denkkonzepte — wahrgenommen wurde. Gerade aber am Beispiel der Verbannung des Wortes „Rasse“ lässt sich die Tiefendimension des vollzogenen Bruchs erahnen: Ein Zurück in das (geschichts-) wissenschaftliche Denken des 19. Jahrhunderts ist nicht mehr möglich, eine „Schwelle“ wurde überschritten.

Da mit ihrer Hilfe die moderne Meister-Erzählung vom „Fortschritt“ konstruiert wurde, bildete die Geschichtswissenschaft DIE geistig prägende „Meta-Disziplin“ der neuzeitlichen Epoche. Ihr nun vollzogener umfassender Bruch mit den eigenen, jahrhundertelang wirksamen, Deutungsmustern müsste folglich ein gesellschaftliches Erdbeben auslösen. Doch warum bleibt dieses Erdbeben aus?

Offenbar klafft zwischen der gegenwärtigen Denkwelt der Wissenschaft und unserer alltäglichen Lebenswelt eine sich stetig verbreiternde Lücke.

Könnte es sein, dass sich Mechanismen der „neoliberalen Steuerung“* hier „bremsend“ auswirken? Verstärkt also die Konzeption von gegenwärtigen Macht- und Deutungsstrukturen den bereits von Antonio Gramsci beschriebenen Krisenzustand „dass das Alte stirbt und das Neue nicht geboren werden kann“?

Mit meinem Beitrag möchte ich Ihnen einerseits die gesellschaftlichen Folgen dieser Situation verdeutlichen und andererseits perspektivische Möglichkeiten zu ihrer mentalen Überwindung im Rahmen einer integrativen Neuordnung der gesellschaftlichen Erkenntnissysteme Wissenschaft, Kunst und Religion aufzeigen.

Vielleicht kann Ihnen mein Diskussionsimpuls als Anregung für „Horizont-Erweiterungen“ dienen und eine Richtung vorschlagen, in welche wir uns gemeinsam bei zukünftigen „Bernburger Begegnungen“ auf eine Suche nach „dem Neuen“ begeben können. 

Vermutlich wird es mir nur unvollständig gelingen, Ihnen meine Gedanken darzulegen, da der argumentativ-sprachlichen Verständlichkeit bei der Vermittlung von Wissen — und genau um jenen Austausch geht es in meinem Text — Grenzen gesetzt sind. Darin, gemeinsam nach neuartigen Formen für die ganzheitliche Kommunikation von Wissen zu suchen und diese zu erproben, sehe ich ein Aufgabenfeld zukünftiger „Bernburger Begegnungen“.

In diesem Sinne würde mich sehr über Ihr Feedback freuen!

Olaf Böhlk

Hier geht es zum Text…

* Die Motivation zur „bremsenden“ Wirkung der neoliberalen Steuerung wurzelt in der Angst vor unvorhersehbaren („Kontingenten“) Zuständen: Jeder epochale Wandel trägt die „Gefahr“ einer grundlegenden Umorganisation der bestehenden Ordnung in sich, die mit hoher Wahrscheinlichkeit auch zur Umverteilung von etablierten Macht- und Ressourcenflüssen führen wird. Von daher besteht gegenwärtig ein handfestes wirtschaftliches Interesse an der Herauszögerung einer längst überfälligen „Groß-Revision“: Ähnlich wie in der Spätphase der DDR wird offenbar die Angst vor dem Wandel größer als die Angst vor den Konsequenzen des „Weiter so!“. In diesem Zusammenhang ist interessant, dass die geistige Geschichte des „Neoliberalismus“ zur modernen Idee der „Kontrolle durch Transparenz“ führt, welche sich bis auf den Erfinder der panoptischen Gefängnis-Architektur Jeremy Bentham (1748-1832) zurückverfolgen lässt. Zur Geschichte des Transparenz-Konzeptes: „Vincent August (2018) Theorie und Praxis der Transparenz — Eine Zwischenbilanz“